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Österreichische Orgel Daten Bank Karl Schütz Herstellung von Pfeifen aus Metall |
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HERSTELLUNG
VON
LABIALPFEIFEN Metallpfeifen Die
Labialpfeifen entsprechen den Gesetzen der Physik betreffend stehender
Wellen
in offenen und geschlossenen Röhren. Sie können daher
grundsätzlich aus jedem
Material erzeugt werden, aus Holz, Elfenbein und Metallen ebenso wie
aus
Karton. Seit
Jahrhunderten werden die Metallpfeifen üblicherweise aus einer
Legierung von
Zinn (Sn) und Blei (Pb) gefertigt. Der Mischungsanteil wird als
Lötigkeit
bezeichnet:
Zinnanteil 16
lötig = 100,00% 15
lötig = 93,75% 14
lötig = 87,50% 13
lötig = 81,25% 11
lötig = 68,75% 10
lötig = 62,50% 9 lötig
= 56,25% 8 lötig
= 50,00% 7 lötig
= 43,75% 6
1/3 lötig =
40,00% 6 lötig
= 37,50% 5 lötig
= 31,25% 4 lötig
= 25,00% 3 lötig
= 18,75% 2 lötig
= 12,50% 1 lötig
= 6,25% Für
bestimmte
Legierungen wurden Benennungen üblich:
100%
Zinnanteil Reines Zinn
75% Zinnanteil Probezinn
60% Zinnanteil Orgelmetall
50% Zinnanteil Spotted
metall oder Naturguss (w.s.)
unter
50% Bleipfeifen Für
Prospektpfeifen in teureren Instrumente wurde gutes bzw. "Englisches
Zinn" gefordert. Laut Kunstlexikon von P.W. Neumann handelt es sich um
bleifreies Blockzinn aus England, das Zusätze von Kupfer und
Wismut erhält. Dom Bedos
bezeichnet als bestes und für die Orgelpfeifen geeignetstes
Zinn solches
aus der englischen Provinz Cornwall. Malakkazinn bevorzugen die
Zinngießer, es ist weicher und nicht so fest und eignet
sich deshalb
weniger für den Orgelbau. Auch aus Siam oder den spanischen
Kolonien in
Südamerika kann man weicheres aber doch geeignetes Zinn beziehen.
Laut Dom
Bedos sollte man auf keinen Fall deutsches Zinn aus Hamburg oder
Holland
verwenden, das sind die Reste vom Feuerverzinnen von Eisen, der
Herstellung von
"Weißblech". Eisenreste machen
Flecken an Prospektpfeifen. Auch für
das
Blei empfiehlt Dom Bedos englisches zu verwenden, es sei fester,
stabiler
und reiner als das deutsche. Über Blei aus anderen Gebieten
wie etwa
Frankreich gäbe es noch zu wenig Erfahrung. Die Legierung
zu
je 50% Zinn und Blei besitzt die wenig aussagekräftige deutsche
Bezeichnung Naturguss.
Das Material zeigt eine fleckige Struktur mit blumenförmigen
Rillen, daher
trifft die englische Bezeichnung spotted metall das
Erscheinungsbild
besser. Die Ausprägung der Materialzeichnung entsteht
stärker, wenn ein Anteil
geringfügig höher als 50% ist. Der
Guss Zinn und Blei
werden
in Barren angeliefert und anteilsgemäß in den Tiegel eines
Schmelzofens gelegt.
Im Prinzip geschieht der gleiche Vorgang wie beim silvestrigen
Bleigießen. Die
Barren schmelzen und vermengen sich, es bildet sich an der
Oberfläche (ähnlich
dem Milchkochen eine Art Haut, in der sich die Verunreinigungen
ansammeln.
Interessanterweise gehen die beiden Partikel nicht ineinander auf
sondern
umschließen sich lediglich, die Zinn- bzw. Bleimoleküle
umgreifen einander.
Deshalb ist die richtige Schmelztemperatur
je nach Gemisch äußerst wichtig, da sonst das Metall keine
langlebige
Konsistenz aufweist und nach vielen Jahrzehnten zerfällt. Um den Haltbarkeitsprozess zu stärken, setzt der Orgelbauer dem Schmelzgut Substanzen zu, etwas (auch wieder nicht zu viel) Wismut. In den USA wird für das leicht zerfallende Blei in höherprozentigen Bleipfeifen Kupfer zugesetzt.
Die
Oberfläche
der Platte weist entsprechend der Gießunterlage deren Struktur
auf, also bei
Sand eine rauhe körnige Oberfläche, bei Leinen eben die
Leinenstruktur. Zur
weiteren Verarbeitung wird nun das Material gehobelt. Dies geschah
früher und
geschieht auch heute für bestimmte (oft restauratorische) Zwecke
manuell mit
dem Zinnhobel. Mit ihm kann man auch das Material ausdünnen, das
heißt man läßt
es an der späteren Labiumseite dicker und verkürzt den
Querschnitt gegen das
Ende des Körpers. Meist aber wird heute die Platte durch eine
Fräsmaschine
gehobelt. Findige Orgelbauer haben dieser Maschine aber ebenfalls schon
das
ausdünnende Hobeln beigebracht Von
der ebenen
Platte zur runden Pfeife Eine
Labialpfeife aus Metall besteht im Prinzip aus
Fuß
Körper (Corpus) und
Kern Fußteile und Körper werden auf der Metallplatte
entsprechend der Mensurtabelle angerissen und mittels einer
großen Metallschere
herausgeschnitten. Die Fußteile bestehen aus Kreissegmenten, die
zylindrischen
Körper aus rechteckigen Teilen, konische Körperteile aus
gleichseitigen langen
Rhomben. Die ausgeschnittenen Teile (die sich entsprechend der
Tonhöhe
verjüngen) werden für die weitere Verarbeitung
aufeinandergelegt. Die Kerne mit
den Kern- und manchmal auch Körperschrägen werden als eigener
Teil in Form
einer Leiste gegossen, in Teile geschnitten und später zwischen
Fuß und Körper
aufgelötet (w.s.). Alle Teile
werden vor der Auflegung (und grundsätzlich bei jedem weiteren
Arbeitsgang) mit
dem "Bolus" gesichert: die empfindlichen Flächen werden mit einem
Anstrich versehen, der meist aus
Gummi-arabicum, Schlemmkreide und Farbpulver (Oxydrot) besteht. Festlegung
der
Labienbreite und Aufschnitthöhe An einer
Schmalseite des Pfeifenkörpers wird nun mit dem Stichel die
Labienbreite
festgelegt, "aufgerissen". Die Labienbreite steht im Verhältnis
zur
Plattenbreite und ist ein Bestimmungskriterium für den
Klangcharakter der
späteren Pfeife (bsw. charakterisiert eine Labiumbreite von 1/4
der
Plattenbreite den Principalcharakter). Die Markierungen werden im
relevanten
Bereich mit dem Anreißhaken verstärkt. Da diese
Markierungen von der größten Körperplatte zur kleinsten
entsprechend abnehmen,
bedient man sich einer "Teilungstafel", die entsprechend dem
Labienbreitenverhältnis zwei vorgezeichnet Striche eingraviert
hat. Man braucht
nur das Blatt an setzen und die beiden Markierungspunkte anreißen
Anreißpunkte). Nun wird die
Aufschnitthöhe festgelegt, dazu dient der Reduktionszirkel. Die
Aufschnitthöhe
sollte mindestens dem Verhältnis der Labiumbreite entsprechen
(für den
Principal also 1/4 der Labiumbreite), das muss mühsam bei jedem
Körperteil
aufgetragen werd (angerissen) werden. Ein niedrigeres
Aufschnittverhältnis
begünstigt einen schärferen Klang, ein höheres einen
flötigeren Klang. Wie schon
erwähnt werden die Markierungen mit dem Reißhaken im
relevanten Bereich
verstärkt. Übertragung
der
Labienbreite und Plattenbreite der Körperplatte der auf die
Oberkante der
Fußplatte Die beiden
Plattenkanten werden aneinandergelegt, die runde Fußplattenkante wird an der geraden Körperplattenkante
"abgewickelt", die Anreißpunkte der Köperplatte werde dabei
auf die
Fußplatte übertragen. Anschließend wird die
Überbreite der Fußplatte mit der
Schlagschere abgeschnitten. Für die
weiteren
Arbeitsgänge werden nun die Längskanten wieder mit
Lötfarbe ("Bolus",
s.o.) angestrichen. Das Aufrollen
der Platten Die
Körperplatte
wird nun über einem Rundstahl aufgerollt, indem man eine
Längskante fest an den
Stahlstab andrückt und dann mit Schwung über eine glatte
Fläche rollt. Der
Vorgang erinnert an das Aufrollen des Teiges mittels Nudelwalker. Für die
verschieden großen prismatische oder konische zu formenden
Pfeifenteile muss
eine Werkstätte über ein Arsenal an entsprechenden
verschieden breiten und
verschieden hohen Formstangen verfügen: Beide
Längskanten des aufgerollten Körpers werden nun mit dem
Klopfholz
verschiedentlich - auch mit Pertinax-
belegtes Weichholzbrett mit abgerundeten Kanten so auf dem Rundstahl
geklopft, dass
sie parallel zueinander stehen. Der Spalt sollte etwa Kartonstärke
besitzen. Mit dem
Dreikantschaber werden nun die Längskanten als Vorbereitung
für das
Zusammenlöten "abgefast" Der erste Schnitt wird mit 90°, alle
weiteren Schnitte mit 45° angesetzt. Die
Lötnähte
werden so dicht zueinander gedrückt, dass der Abstand zwischen
beiden etwa 1/2
Materialstärke beträgt; in dieser Stellung werden die
Lötnähte mit wenigen
Lottropfen zusammengeheftet. Zusammensetzung des Lots hier: 62 % Zinn,
38 %
Blei = Sickerlot oder "eutektische Legierung", d.h., das Lot schmilzt
früher als das Material. Werkzeug: Lot, Lötkolben,
Lötstein. Nun wird die
Längsnaht am Pfeifenkörper mit Stearin (und nicht Parafin!)
als Flussmittel
ausgestrichen, anschließend erfolgt das endgültiges
Zusammenlöten der
Längsnaht. (1.Lötversuch
eines Pfeifenkörpers durch den Autor) Nun wird die
Höhe des Unterlabiums auf der Fußplatte mit dem
Reduktionszirkel angerissen und
schließlich wie beim Körper die Platte (auf einem konischen
Rundstahl)
aufgerollt, gerichtet und die Spalte gelötet. Das Rondieren
(rundieren) Beide Teile
werden nun mit Klopfholz und Rundstahl rondiert (rundiert). Das sehr
geräuschvolle Schlagen treibt das Metall und die Moleküle
werden in die
Rundform gezwungen. In die beiden
gerundeten Pfeifenkörper werden die Labien eingedrückt. Dazu
wird der
Pfeifekörper mit den angerissenen Labien nach unten auf die
Polierplatte
aufgesetzt und mit der linken Hand angedrückt. Mit dem Polierstahl
werden die
Labienanrisse ertastet, die flache Seite des Polierstahl wird
aufgesetzt und
durch kräftiges Niederdrücken und Hin- und herbewegen das
Labium einfach flach
eingedrückt. Mit der
Rundnaht
werden Körper, Fuß und Kern gemeinsam verbunden, das ist der
heikelste Vorgang,
er entscheidet über das richtige Funktionieren der fertigen Pfeife. Zunächst
werden
die Labienseiten von Körper und Fuß wieder mit Lötfarbe
bestrichen. Dann werden
die zu verbindenden Kanten "bestoßen", d.h. die labienseitige
Körperkante wird mit der Feile so plan gefeilt, dass der
Körper beim Aufsetzen
auf die Polierplatte fest steht und nicht wackelt. Kontrolle: Zwischen
Rundnaht
und Körper darf kein Licht durchschimmern. Beim
Fuß wird
ebenso verfahren, nur wird hier anstatt der Feile der Zinnhobel
verwendet. Wie bei der
Längsnaht werden die zu verbindenden Kanten gefast, mit der Feile
auf 45°
abgeschrägt. Auf den
Fuß wird
die rechteckige Kernplatte aufgesetzt und so an den beiden Labienecken
punktuell angeheftet, dass die Kernspaltenweite etwa das 1- bis 1
1/2-fache der
Materialstärke beträgt. Anschließend wird der Kern mit
einem Hammer so fest auf
den Fuß geklopft, dass der Kern fest auf dem Fuß aufsitzt
und zwischen Kern und
Unterlabium ein nur noch kaum sichtbarer Spalt bleibt. Die
überstehenden
Kernecken werde mit dem Lötkolben abgeschmolzen und zwar so, dass
der Kern
analog zur Rundnaht am Körper eine zum Körper hin ansteigende
Fase von 45°
Innenneigung erhält. Damit wird der Kern gleichzeitig
festgelötet. Unebenheiten
aufgrund des Lötvorgangs werden nachgefeilt. Ein Problem
bildet das geschickte Festhalten von Körper und Fuß mit
einer Hand während des
Lötens dar: der Fuß wird mit der Spitze an den Bauch
gedrückt, während die
Oberkante des Körpers auf dem Böckchen aufliegt. mit der
linken Hand hält man
die Pfeifenteile, während man mit der Rechten heftet. Fuß und
Körper
werden so gefeilt und zusammengepasst, dass zwischen Ober- und
Unterlabium ein
Abstand von ca. 1/2 Materialstärke bleibt. In dieser Stellung
werden beide
Teile an den Labienecken zusammengeheftet. Anschließend werden
Körper und Fuß
so zueinandergebogen, dass die Labien sowohl quer als auch längs
parallel
zueinander stehen und die Längsachse von Körper und Fuß
gleich ist. Danach wird
an der Längsnaht eine weitere Hafte gesetzt, die Rundnaht
endgültig verlötet
und zum Schluss die Haften aufgelöst und beigelötet.
Des
Autors
"Erstlinge" Mit der
Höhe des
Aufschnitts, des Herstellens der Öffnung am Oberlabium werden
weitere
Klangkriterien eingebracht. Mit dem
Teilungszirkel wird die Aufschnitthöhe auf dem Oberlabium
aufgetragen Nachdem
die gewünschte Aufschnitthöhe in den Zirkel gefasst wurde
(bsw. 1/4 der
Labiumbreite), wird sie auf dem
Oberlabium aufgetragen wie vorher die Labienhöhe (s.o.). Nachdem die
Markierung des Oberlabiums mit dem Reißhaken nachgezeichnet
wurde, wird die
Öffnung mit dem Schnitzmesser ausgeschnitten. Schließlich
wird
noch der Kern mit einem Lindenholzplättchen geputzt (mit dem
Holzplättchen wird
in der Kernspalte mehrfach hin und hergefahren).
Intonation Die
Intonation
ist das Finishing an der Pfeife. Die Labien und der Kern werden in
kleinsten
Bewegungen gezogen, gebogen oder gehoben, so dass die Pfeife allein
optimal in
Klangfarbe und Lautstärke erklingt und auch mit den anderen
Pfeifen desselben
Registers optimal abgestimmt ist. Der Vorgang endet mit der
Reinstimmung des
Registers. Die
Herstellung
der Pfeife an sich ist feinste Handarbeit und muss genau vor sich
gehen. Die
Intonation aber ist eine besondere Kunst und wird von Spezialisten
unter den
Orgelbauern ausgeführt. Der Intonateur entscheidet letztlich, wie
die Orgel im
einzelnen und als Ganzes klingt. Univ.-Prof.
Peter Planyavsky formulierte in prägnanter Weise das Wesen der
Intonation: (unveröffentlichtes
Manuskript vom 20. Januar 2002) Intonieren heißt :
die bloß
technisch fertige Pfeife in einen Klangerzeuger verwandeln. Wenn sie
nämlich
frisch vom Pfeifenmacher kommt, gibt sie keinen oder höchstens
irgendeinen Ton
von sich. Die Tonhöhe stimmt nicht, die Pfeife passt nicht zu
ihren Nachbarn,
sie ist vielleicht lauter oder leiser oder auch schärfer oder
stumpfer, als das
Klangkonzept es fordert. Es handelt sich um viele kleine Handgriffe -
bei jeder
einzelnen Pfeife. Normalerweise braucht man mindestens zwei Mann
dafür : einer
„unten" am Spieltisch - der eigentliche "lntonateur" -, der
prüft, hört und Anweisungen gibt für den andern, der
„oben" bei den
Pfeifen ist und die Adjustierungen im Millimeterbereich vornimmt. Die
Intonation ist einer der wichtigsten und teuersten Vorgänge beim
Orgelbau. Im
Fall etwa der neuen Domorgel [Anm.: in Wien] haben zwei Leute
dreieinhalb
Monate intoniert, ohne ein Gramm Material zu verbrauchen. Der
Intonateur selbst
entwirft auch normalerweise viele Monate davor das gesamte
Klangkonzept,
berechnet die Mensuren der Pfeifen und macht die Vorintonation - jenen
noch
früheren Schritt von der gar nicht klingenden zur irgendwie
klingenden Pfeife:
die eigentliche Beseelung der Orgel, der Vorgang, der aus einer
Ansammlung von
Pfeifen ein individuelles Instrument macht, das die Vorstellungen
seiner
Erdenker und Erbauer widerspiegelt. Anmerkung: Die Photos
entstanden beim Kurs "Herstellung von Metallpfeifen, Materialien,
Intonation, Restaurieren von Pfeifen" der Vereinigung
der Orgelsachverständigen Deutschlands vom 1. - 6- Januar
1987 in der
Werkstätte von OBM Christoph Naacke in Giengen an der Brenz. Die
Zeichnungen
stammen aus dem Unterrichtsmaterial von OBM Naacke an der
Orgelbauschule
Ludwigsburg, die Kopien für die Homepage hat OBM Naacke
freundlicherweise
genehmigt. Ebenso hat Univ.-Prof. Planyavsky den Abdruck des
Schluss-Satzes
genehmigt. Einzelne Formulierungen stammen aus einem
anläßlich des Kurses von
Dr. Wolfgang Meister verfassten Manuskript. |
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